Die eigene Persönlichkeit mit den sie ausmachenden Charaktereigenschaften, Motiven und Kompetenzen zu beschreiben ist nicht ohne Weiteres eine leichte Aufgabe. Neulich, es ist zehn Uhr am Morgen. Mein kurzes Warten in einem karg eingerichteten Raum wird beendet. Freundlich werde ich in den Nachbarraum gebeten. Es geht um ein erstes Interview im Rahmen eines Pitches für einen Auftrag. Nach einem Handshake mit drei Unternehmensvertretern sitzen wir nun zur viert in einem Büro. Kaffee und Kaltgetränke stehen bereit. Einer der Herren stellt sich und seinen von ihm verantworteten Bereich ausführlich vor. Dann stellen sich die anderen beiden Herren vor und erläutern ihre Aufgabengebiete.

Dann die erste Frage an mich: „Wer sind Sie?“

„Wow, eine wirklich gute Frage“, dachte ich. Nicht die üblichen Fragen wie. „Erzählen Sie etwas über Ihren Werdegang“. “Sagen Sie uns doch etwas über Ihre Expertise“. “Erklären Sie uns Ihre Arbeitsweise.“ …
Ich war mir sicher, von den drei Herren wollte sicherlich niemand, dass ich meinen Lebenslauf rezitiere. Der lag ihnen ja bereits vor. Um meine Qualifikationen konnte es an dieser Stelle auch nicht gehen, denn die entsprechenden Nachweise hatte ich mit den Ausschreibungsunterlagen schon eingereicht.

Wer bin ich? Was macht uns als Menschen, als Individuen aus? Es ist unsere Persönlichkeit. Aber, was ist Persönlichkeit? Was macht sie aus? Wie lässt sie sich beschreiben, um auf eine solche Frage sinnvoll antworten zu können?

Persönlichkeit greifbar machen

Jeder Mensch hat natürlich seine ganz individuelle Persönlichkeit. Psychologen haben Modelle entwickelt, mit denen sich Persönlichkeit beschreiben lässt. Hierfür werden aus ihrer Sicht relevante Kriterien herausgearbeitet. Ein in der Wissenschaft anerkanntes Modell ist das Fünf-Faktoren-Modell (Big Five).

Die Faktoren der Big Five sind:
• Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit)
• Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus)
• Extraversion (Geselligkeit)
• Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie)
• Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit)

Modelle stellen eine Vereinfachung der komplexen Wirklichkeit dar, um sie greifbar zu machen. Basierend auf diesen Modellen werden Analyse-Instrumente z.B. in Form von Fragebögen oder softwaregestützte Befragungen eingesetzt. Die Qualität dieser Instrumente zeigt ich darin, wie objektiv, zuverlässig und gültig sie messen.

Bausteine der Persönlichkeit – Charaktereigenschaften, Motive und Kompetenzen

Als Coach war ich Anfang des Jahres auf der Suche nach aktuellen, wissenschaftlich fundierten Analyse-Tools. Im März habe ich das Online-Analyse-Tool „LINC PERSONALITY PROFILER“ ausprobiert. Mir ist wichtig, Instrumente in Coachings und Trainings einzusetzen, mit denen ich persönliche Erfahrungen gesammelt habe. Das Tool wurde an der Leuphana Universität Lüneburg entwickelt und basiert auf den Big Five. Für die Beantwortung der Fragen habe ich knapp 25 Minuten benötigt. Nach bereits zwei Tagen erhielt ich zwei Ergebnisreports. Einen Kurzreport mit sechs Seiten und einen ausführlichen Report mit 29 Seiten Umfang.

Der LINC PERSONALITY PROFILER erfasst die Charaktereigenschaften. Zusätzlich ergänzt er die Motive und die Kompetenzen. Als Coach sehe ich darin eine sinnvolle Möglichkeit, um Coachings und Trainings für die Persönlichkeits- und Führungskräfteentwicklung aufzusetzen.
Von der übersichtlichen grafischen Darstellung und den aussagekräftigen und praxistauglichen Inhalten war ich positiv überrascht. Diese Reports haben sich deutlich von denen abgehoben, die ich aus anderen Analyse-Verfahren kenne.

Denkanstöße für verschiedene Handlungsfelder

Neben der detaillierten Beschreibung meiner Charaktereigenschaften führt der ausführliche Ergebnisreport auch meine Verhaltenspräferenzen in den Handlungsfeldern „Kommunikation“, „Arbeitsstil“ und „Führung“ auf. Hinzu liefert der Report auch jeweils Denkanstöße.

Fremdwahrnehmung – Wie sehen mich die anderen?

Der Report verdeutlicht ebenfalls, welche positiven und kritischen Fremdwahrnehmungen meiner Charaktereigenschaften in der Regel vorkommen können. Hier sind die Wahrnehmungen von Menschen einbezogen, die mir entgegengesetzte Ausprägungen ihrer Big Five haben. Diese Hinweise regen zum Nachdenken an und machen verschiedene Reaktionen meiner Umwelt nachvollziehbarer.

Umgang mit anderen

Darüber hinaus gibt der Report auch Hinweise, worauf ich im Umgang mit anderen im Kontext von Führung, in Situationen, in denen es ums Überzeugen, Verhandeln und Verkaufen geht, achten sollte. Auch hier nimmt der Report Menschen in den Blick, die meinen dominierenden Charaktereigenschaften eher entgegengesetzt „gestrickt“ sind. Hier gibt es zusätzliche Impulse, das eigene Wahrnehmungs- und Verhaltensrepertoire zu erweitern.

Von anderen lernen

Last but not least verdeutlicht der Report auch, was ich von Menschen mit von mir abweichenden Charaktereigenschaften lernen kann. Dies ist eine gute Basis, um neue Entwicklungsrichtungen auszumachen und persönlich zu wachsen.

Die Charaktereigenschaften (Big Five)

Unsere Charaktereigenschaften bilden die Grundlage unserer Verhaltenstendenzen. Das heißt, in der Tendenz neigen wir zu bestimmten Verhaltensweisen, können uns aber situativ in einem gewissen Rahmen auch anders verhalten.
Im Report werden die Ausprägungen der Charaktereigenschaften im Spannungsfeld von gegenüberliegenden Polen dargestellt. Dabei verfügt jeder Mensch über die Eigenschaften aller Pole, allerdings in unterschiedlich starken Ausprägungen.

INTROVERSION vs. EXTRAVERSION: Nach außen oder innen orientiert?

Worauf richte ich im täglichen Leben und im Umgang mit anderen mein Hauptaugenmerk – auf die Interaktion mit anderen und die daraus resultierenden Sinneseindrücke oder auf mein eigenes inneres Erleben und meine Interpretation der Außenwelt?
Ersteres kennzeichnet die Extraversion, letzteres die Introversion.

GEWISSENHAFTIGKEIT vs. FLEXIBILITÄT: Disziplinierte oder flexible Lebensführung

Diese Dimension beinhaltet verschiedene Facetten, die allesamt mit menschlicher Leistung und dem individuellen Arbeitsstil verknüpft sind. Es geht u. a. um die Fragen, ob jemand sehr planvoll oder eher spontan an eine Aufgabe herangeht, wie hoch die persönlichen Zielvorstellungen angesetzt werden oder wie stark man sich an Prinzipien orientiert.

OFFENHEIT vs. BESTÄNDIGKEIT: Neues oder Bewährtes?

Hier wird die Neigung einer Person erfasst, sich für „das Neue“ zu interessieren und zu öffnen (hohe Ausprägung in Offenheit) bzw. „das Bewährte“ zu erhalten und weiterzuverfolgen (hohe Ausprägung in Beständigkeit).

KOOPERRATION vs. WETTBEWERBSORIENTIERUNG: Anderen helfen oder sich selbst helfen?

Das Spannungsfeld von Kooperation und Wettbewerbsorientierung beschreibt im Gegensatz zur Extraversion vs. Introversion nicht, ob jemand die Tendenz hat, soziale Kontakte zu suchen und einzugehen, sondern wie sich jemand in sozialen Interaktionen typischerweise verhält.

SENSIBILITÄT vs. EMOTIONALE STABILITÄT: Robustheit oder Empfindsamkeit?

Diese Dimension beschreibt am einen Ende der Skala die psychische Robustheit einer Person auch im Angesicht von Krisen, Problemen und Widerständen sowie am anderen Ende der Skala die emotionale Empfindsamkeit einer Person.

 

Motive treiben uns an

 

Die neun grundlegenden Motive des Menschen bestimmen entsprechend ihrer jeweiligen Ausprägung, welche Ziele sie in ihrem Leben anstreben

LINC PERSONALITY PROFILER: Motive

 

Motive sind die hinter unseren Charaktereigenschaften und Kompetenzen liegenden Triebkräfte, die uns dazu antreiben, ein bestimmtes Ziel erreichen zu wollen. Motive sind somit ein integraler Bestandteil der Persönlichkeit. Jeder Mensch verfügt über neun grundlegende Motive. Diese sind aber bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Einige der Motive steuern unser Verhalten stärker als andere. Daher ist es wichtig, die persönliche Motivstruktur zu kennen. Motive können auch scheinbar widersprüchlich sein. Dies ist ein Zeichen für konkurrierende Triebkräfte und in der Regel ein sinnvoller Ansatzpunkt für die persönliche Reflexion.

 

Die Motive im Einzelnen

 

DAS BEZIEHUNGSMOTIV – STREBEN NACH …

  • Aufbau, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von Beziehungen,
  • Zugehörigkeit zu einem sozialen Netz,
  • Gemeinschaft, Geselligkeit und Geborgenheit in einer Gruppe,
  • Freundschaft und Loyalität innerhalb der Gemeinschaft,
  • dem gemeinsamen erreichen von Zielen in einer Gruppe, statt allein.

DAS WERTMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • einer Tätigkeit, die den eigenen Werten entspricht und es möglich macht, diese auch mit Leben zu füllen,
  • einem selbst wahrgenommenen Sinn in der eigenen Tätigkeit,
  • einem Umfeld oder einer Aufgabe, in der der eigene Idealismus nicht unterdrückt werden muss, sondern akzeptiert und geteilt wird.

DAS LEBNESSTILMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • Integration privater und familiärer Bedürfnisse in die Karriereplanung,
  • einem erfüllten Leben voller positiver Eindrücke und Zufriedenheit,
  • Unterstützung seitens des Arbeitgebers bei einer gesunden Balance aus Arbeit und Erholung (Work-Life-Balance),
  • modernen Modellen der Lebensführung.

DAS LEISTUNGSMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • Erfolg, ausgedrückt durch einen ausgeprägten Ehrgeiz,
  • Aneignung von Fachkompetenz und einer kompetenten Ausführung übertragener Aufgaben,
  • einem positiven Selbstwertgefühl durch gezeigte Leistung,
  • Möglichkeiten, sich durch Leistung von anderen zu differenzieren.

DAS WACHSTUMSMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • persönlichem und beruflichem Wachstum und ständiger Weiterentwicklung,
  • dem meistern immer größere Herausforderungen in allen Lebensbereichen,
  • dem Erreichen von Zielen, die zunächst unerreichbar erscheinen,
  • dem Austesten und Verschieben der eigenen Grenzen im Wettbewerb,
  • dem Wunsch, das Besondere zu erreichen.

DAS KREATIVITÄTSMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • dem Ausleben des eigenen kreativen Potentials,
  • dem Erarbeiten völlig neuer Problemlösungen für komplexe Herausforderungen,
  • Befriedigung der eigenen Neugier und Aneignen neuen Wissens,
  • selbstständigem und unorthodoxem Denken ohne Beschränkungen und Vorgaben.

DAS EINFLUSSMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • Möglichkeiten zur Einflussnahme auf das eigene Leben und das eigene Umfeld,
  • einem positiven Selbstwertgefühl durch Prestige und Anerkennung,
  • Führungspositionen, die Verantwortung, Sichtbarkeit und Macht beinhalten,
  • einem Streben nach Überlegenheit und Dominanz in sozialen Situationen,
  • nach außen hin demonstrierte Stärke und Sicherheit.

DAS UNABHÄNGIGKEITSMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • einem hohen Maß an Eigeninitiative und Autonomie bezüglich sämtlichen wichtigen Lebensbereichen,
  • persönlichem Wachstum und Selbstverwirklichung,
  • selbständiger Aufgabenerfüllung und Entscheidungsspielraum,
  • beruflicher Selbstständigkeit.

DAS SICHERHEITSMOTIV – DAS STREBEN NACH …

  • einer möglichst stabilen Lebenssituation mit einer festen Partnerschaft, sowie langfristigen und belastbaren Freundschaften,
  • einem gesicherten Arbeitsplatz,
  • einem sicheren Wohnort ohne Kriminalität und mit einer verlässlichen Justiz

DAS KOMPETENZPROFIL – Erfasst, was Menschen besonders gut können

Unsere Motive steuern, was wir für Ziele im Leben anstreben, während unsere Kompetenzen Anteil daran haben, ob wir unsere Ziele erreichen.
Kompetenzen sind mit Leistung verbunden. Je größer unsere Kompetenz in einem Bereich ausgeprägt ist, desto größer ist unsere Leistungsfähigkeit in diesem Bereich. Im Unterscheid zu Intelligenz, Begabung oder Talent sind Kompetenzen erlernt und ausbaufähig. Unsere Kernkompetenzen ergeben sich aus unseren Charaktereigenschaften. Unsere Kernkompetenzen verdeutlichen, was uns liegt, was wir besonders gut können. Im Bereich unserer Kernkompetenzen fällt uns der Kompetenzaufbau eher leicht. Das Kompetenzprofil des LINC PERSONALITY PROFILER erfasst die individuellen Ausprägungen der folgenden 25 Kompetenzen:
Analysieren, Durchsetzungsvermögen, Eigeninitiative, Empathie, Entscheiden, Führen, Ganzheitliches Denken, Innovationskompetenz, Interkulturelles Kompetenz, Konfliktkompetenz, Konzentrationsvermögen, Kreativität, Netzwerken, Planungskompetenz, Rationalität, Reflexionsvermögen, Selbstdisziplin, Selbstfürsorge, Selbstständiges Denken, Sicheres Auftreten, Teamfähigkeit, Überzeugungsvermögen, Veränderungskompetenz, Verantwortungsbewusstsein, Zielstrebigkeit.

“Wer sind Sie?”

Menschen, die sich selbst gut kennen, wissen, welche ihrer Charaktereigenschaften einen wesentlichen Einfluss auf das eigene Verhalten haben. Sie sind sich ihrer Motive bewusst, die sie im Leben antreiben und kennen ihre Kernkompetenzen. Ferne sind sie sich bewusst, wie ihr Verhalten auf andere Menschen in bestimmten Situationen wirken kann. Im Gespräch damals habe ich meine für die Aufgabe wesentlichen Motive dargelegt. Daran entlang entwickelte sich ein fruchtbares Gespräch, in dem auch der Raum war, um auf meine Charaktereigenschaften und Kompetenzen einzugehen.

Der eigenen Persönlichkeit auf der Spur

Beschäftigen Sie folgende Fragen?

  • Wie kann ich mich als Führungskraft persönlich weiterentwickeln?
  •  Immer wieder gerate ich mit bestimmten Menschen aneinander. Wie kann ich einen anderen Umgang damit finden?
  •  Soll ich den nächsten Karriereschritt gehen?
  •  Ich spüre eine berufliche Unzufriedenheit, die ich mir nicht richtig erklären kann, denn von außen betrachtet ist alles in Ordnung. Wie kann ich Klarheit gewinnen?
  •  Ich habe das Gefühl, im falschen Job zu sein. Was könnte für mich eine neue, passende berufliche Ausrichtung sein?
  •  Immer wieder gerate ich in Stress, obwohl ich eine Menge über Zeitmanagement weiß. Wie kann ich damit umgehen?

Bei diesen und weiteren beruflichen und persönlichen Fragestellungen lohnt es sich, der eigenen Persönlichkeit auf die Spur zu kommen. Hierbei können wissenschaftlich fundierte Analyse-Tools eine wertvolle Hilfestellung bieten. Aus den Ergebnissen der Analyse können in einem Entwicklungsgespräch konkrete Handlungsfelder und Ziele abgeleitet werden. Auf Wunsch kann im Rahmen von Coaching die weitere Entwicklung passgenau gestaltet werden.  Als Business Coach und mittlerweile zertifizierter PERSONALITY PROFILER Coach begleite ich Sie gerne auf Ihrem Weg. Für weitere Informationen nehmen Sie einfach Kontakt zu mir auf.

Die individuelle Persönlichkeit und ihre Bedeutung für Teams

Wenn Sie das Thema “Persönlichkeit” interessiert, dann lade ich Sie ein, auch meinen Blog-Artikel “Teamkultur- Auch eine Frage der Persönlichkeiten” zu lesen. Dort können Sie den Teamambiente-Check kostenfrei herunterladen

Wenn Sie erfahren möchten, wie Sie als Führungskraft verschiedene Persönlichkeiten “typengerecht” führen können, empfehle ich Ihnen auch folgende Blog-Artikel: